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 Possenspiel in Baden - Das Freiburger Tribunal (13.06.2008)
Das Freiburger Tribunal
oder: Ein Tauchgang in die Tiefe eines deutschen Verbandes
Deutschland ist schön! Seine Wiesen, Felder und Auen… Ach ja, und natürlich
auch seine Vereine! Mensch, was wäre Deutschland ohne seine Vereine?
Nein, nicht die Bundesligavereine! Die sind ja in professioneller Hand und
wie mittelgroße Wirtschaftsunternehmen geführt. Ich meine Vereine.
Richtige Vereine. Solche mit Jahreshauptversammlung, Präsident und Kassenwart.
Solche Vereine eben, in denen die vielen Millionen Ehrenamtlichen in ihrer
Freizeit fürs Gemeinwohl ackern und rackern. Manche dieser Vereinsmenschen
sind sogar so unglaublich ehrenamtlich gewesen, dass sie nach dreißig
Jahren Vereinsarbeit dafür das Bundesverdienstkreuz bekommen. So
weit, so gut.
Manchmal läuft es aber auch anders herum, denn in diesem Metier sind
nicht nur Gutmenschen unterwegs sondern auch ausgesprochen engagierte Intriganten,
Machtmenschen und Besserwisser. Und die produzieren Geschichten. Geschichten
die man kaum glauben mag.
Da ist im Moment zum Beispiel gerade für morgen um 10:30 Uhr beim TC
Freiburg ein öffentliches Klamaukstück des Badischen Tauchsport
Verbandes (BTSV) als Gastgeber angesetzt, bei dem einem Normalmenschen glatt
die Spucke weg bleibt. Auf den Spielplan gesetzt wurde das Ganze vom Präsidium
des BTSV. Ob man es in das Genre „Komödie“, „Drama“ oder „Possenspiel“
einordnet, bleibt dem geneigten Leser selbst überlassen. Da soll eine
Veranstaltung, die am 10. April mit einer offiziellen Anhörung des BTSV-Ausbildungsleiters
Rainer Krauß vor dem Vorstand des BTSV seinen vorläufigen Höhepunkt
fand, zum Abschluss gebracht werden. „Raus mit dem Kraus“ scheint das inoffizielle
Untermotto zu sein, denn dem Ausbildungsleiter werden ungeheure Dinge vorgeworfen.
Der 56jährige soll sich über ein weibliches Mitglied eines badischen
Vereins bei einer TL-Prüfung mit „fäkalsexistischen“ Wörtern
geäußert haben. Hmm, fäkal und sexistisch ist eine recht brisante
Mischung… sollte man gar nicht tun. Ach ja, das Ganze liegt, wenn es denn
überhaupt so gewesen sein sollte, auch schon einige Jahre zurück.
Und dann wurden noch ein paar andere Verfehlungen hervor gekramt. Regel-Pille-Palle,
über dessen Sinn und Unsinn man streiten kann. Wollen wir hier aber nicht.
Ne, was wirklich weh tut, ist das, was dann daraus entstand. Eidesstattliche
Versicherungen, Stellungnahmen und Gegenstellungnahmen, Sondersitzungen,
teilweise konspirativ, teilweise offiziell (was manchmal ja fast gleichbedeutend
ist). Es wurde gekeilt und Meinung gemacht, dass man das Gefühl haben
konnte, man habe auf der Berliner Regierungsbank Platz genommen.
Kurzum, das BTSV-Präsidium wollte nicht mehr lange recherchieren und
aufklären, sondern sozusagen mit einem Federstreich den Missetäter
entsorgen. Der Ausbildungsleiter sollte am besten binnen 30 Minuten
von allen Ämtern zurücktreten, um damit die drohende Schlammschlacht
zu vermeiden. Das wollte der aber verständlicherweise nicht mal so eben
tun, zumal er sich völlig unschuldig fühlt und als Opfer einer Intrige
wähnt. Tja, und wo die Wahrheit nun liegt, weiß ich auch nicht.
Dass aber in der Folge immer mehr Menschen der oben näher beschriebenen
Gattung Stellung bezogen, Forderungen stellten und Erklärungen abgaben,
hat die inzwischen als „Freiburger Tribunal“ bekannte, für
alle Beteiligten höchst peinliche Affäre auf ein anderes Niveau
geführt. Denn inzwischen ist das oberste Organ eingeschaltet worden,
oder besser gesagt zwei oberste Organe:
Nummer eins: Der VDST-Präsident Franz Brümmer musste sich höchst
selbst mit diesem für den Tauchsport insgesamt schädlichen Vorgang
befassen, weil der BTSV den Beschuldigten nicht nur aus seinen Ämtern
entfernen will, sondern auch den VDST als Dachorganisation aufgefordert hat,
dem Ausbilder die TL-Lizenz mit sofortiger Wirkung zu entziehen. Donnerwetter,
da wurde nun aber wirklich großes Geschütz aufgefahren. Und so
ganz nebenbei erfuhr der Beschuldigte, dass es inzwischen gar nicht mehr „nur“
um eine Beleidigung der besagten TL-Anwärterin ging. Nun soll er sie
sogar sexuell genötigt haben, sagen wir mal, ja äh…, wie soll ich
das jetzt ausdrücken..., Sie verstehen schon: Wenn sie nicht mit ihm,
und so…, verstehen Sie, dann gäbe es Konsequenzen. Wow, das hört
sich ja fast nach „Unterm Dirndl wird gejodelt“ an. Und das im erzkonservativen
Baden.
Nur blöd, dass all dieses Geschreibsel und gemaile jetzt schon durch
so viele Mailverteiler versendet wurde, dass inzwischen derjenige Taucher
in Baden als „out“ und uninformiert gilt, der nicht die gesamte Posse kennt.
Und weil das so ist, ist jetzt nämlich das zweite Organ am Zuge: die
Staatsanwaltschaft. Denn für die Beteiligten geht es längst nicht
mehr um Pille Palle sondern um ihre gute Reputation und die Ehre. Rainer Krauß
fühlt sich beleidigt und verleumdet und teilte uns mit, dass er rechtliche
Schritte anheim stelle. Und da die neuerdings erhobenen Vorwürfe durchaus
den Tatbestand einer Nötigung erfüllen könnten, wird der Staatsanwalt
wohl einen recht ausführlichen Blick auf die Geschichte werfen. Da bekommen
dann locker formulierte „eidesstattliche Versicherungen“ plötzlich
einen ganz anderen Rechtscharakter.
Bevor jetzt aber der Staatsanwalt entscheidet, ob ihn der Fall offiziell
interessieren muss oder nicht, soll morgen um 10:30 Uhr auf einer vom BTSV-Präsidenten
Jörg-Peter Pleschka einberufenen außerordentlichen Mitgliederversammlung
im Vereinsheim des TC Freiburg über die Abberufung des Landesausbildungsleiters
Krauß abgestimmt werden. Das große Finale sozusagen, Fakten schaffen
ohne Waffen. Und so hat Baden sein Skandälchen und gezeigt, was
man mit einer ordentlichen Verbandspolitik und den richtigen Fädenziehern
so alles auf die Beine stellen kann. Hätte manch Beteiligter schon im
„Warmup“ zu dem großen Finale seine persönliche oberste Instanz,
nämlich den gesunden Menschenverstand, befragt, hätte die Öffentlichkeit
heute nichts zu lachen über die Taucher. Es hätte auch niemand
sein Gesicht verloren und mit dem öffentlichen Ansehen manches Beteiligten
wäre sorgsamer umgegangen worden. Ach übrigens: dem VDST-Präsidium
waren die Vorwürfe wohl ein wenig zu dünn um Rainer Krauß
in der vom BTSV gewünschten Weise zu entsorgen. Das kann ja nun aber
morgen nachgeholt werden, sozusagen durch die Hintertür. Bühne auf
zum großen Finale des Freiburger Tribunals!
Tja, und wer es wie ich vor Neugier nicht aushält und einen Tauchgang
in die Tiefen dieses badischen Lehrstücks wagen möchte, kann sich
die gesamte Akte „Freiburger Tribunal“ mal reinziehen. Ihr könnt
euch das „Drehbuch“ zum großen Finale als pdf herunterladen.
Das ist der Stoff aus dem gute Soaps gemacht werden. Kostenfrei und gnadenlos
real. Wir werden berichten, wie die Schlacht ausgegangen ist. Also – Rohr
frei zum Gefecht!
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 |  Fotografiert von : Heinz Toperczer | |





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